Stirbt eine Mutterstute kurz nach der Geburt oder nimmt sie ihr Fohlen nicht an, zählt plötzlich jede Stunde. Eine Ammenstute kann dann nicht nur Milch liefern, sondern dem Jungtier auch Nähe, Schutz und wichtige soziale Erfahrungen geben. Ich erkläre, was eine geeignete Ammenstute ausmacht, wie die Zusammenführung abläuft und wann eine Flaschenaufzucht nötig wird.
Die wichtigsten Fakten zur Ammenstute auf einen Blick
- Ammenstuten ziehen ein fremdes Fohlen auf und versorgen es häufig mit Milch.
- Typische Gründe sind der Verlust der Mutterstute, fehlende Milch oder die Ablehnung des eigenen Fohlens.
- Entscheidend sind ein ruhiges Wesen, Muttererfahrung und ausreichende Milchleistung.
- Die erste Zusammenführung darf nie unbeaufsichtigt stattfinden.
- Kolostrum, die erste besonders antikörperreiche Milch, muss möglichst in den ersten 3 bis 12 Stunden aufgenommen werden.

Was ist eine Ammenstute genau?
Eine Ammenstute ist eine erwachsene Stute, die ein fremdes Fohlen annimmt und aufzieht. Sie übernimmt damit die Rolle der leiblichen Mutter, obwohl sie das Fohlen nicht selbst geboren hat. Je nach Situation säugt sie das Jungtier, schützt es, lässt es in ihrer Nähe ruhen und führt es in das normale Verhalten einer Pferdegruppe ein.
Oft wird eine Stute zur Amme, weil sie ihr eigenes Fohlen verloren hat. In diesem Fall sind Milchdrüse und Mutterinstinkt häufig noch aktiv. Möglich ist auch, dass eine Stute mit ihrem eigenen Fohlen zusätzlich ein Waisenfohlen annimmt. Dafür muss ihre Milchleistung jedoch ausreichen, und die Fütterung beider Fohlen muss kontrolliert werden.
Streng genommen ist eine nicht laktierende Stute, die nur Gesellschaft und Orientierung bietet, eher eine Ersatz- oder Sozialstute. Sie kann trotzdem sehr wertvoll sein, weil ein mutterloses Fohlen nicht isoliert aufwachsen sollte. Die nötige Milch muss dann aber über Milchspender oder einen geeigneten Milchaustauscher kommen.
In welchen Situationen wird eine Ammenstute gebraucht?
Der häufigste Anlass ist der Tod der Mutterstute während oder kurz nach der Geburt. Ebenso problematisch ist es, wenn die Stute ihr Fohlen dauerhaft abweist, keine ausreichende Milch bildet oder wegen einer schweren Erkrankung nicht säugen darf.
Für das Fohlen ist nicht nur der Hunger gefährlich. Neugeborene Pferde brauchen schnell Kolostrum, also die erste Milch mit wichtigen Antikörpern. Idealerweise beginnt die Aufnahme innerhalb der ersten 3 bis 12 Stunden; spätestens innerhalb von 24 Stunden muss die Versorgung tierärztlich geklärt sein, weil der Darm danach deutlich weniger Antikörper aufnehmen kann.
Ich würde deshalb bei einem mutterlosen Fohlen nicht erst nach einer langfristigen Lösung suchen. Zuerst gehören Tierarzt, Kolostrumversorgung und die Kontrolle von Temperatur, Kreislauf und Saugreflex auf die Liste. Erst danach wird entschieden, ob eine Ammenstute, eine Aufzuchtstation oder die Flasche die beste Möglichkeit ist.
Woran erkenne ich eine geeignete Ammenstute?
Nicht jede Stute mit Milch ist automatisch eine gute Amme. In der Praxis zählen vor allem Gesundheit, Charakter und Erfahrung. Eine ruhige, menschenbezogene Stute lässt sich bei der ersten Kontaktaufnahme besser kontrollieren als ein nervöses oder aggressives Tier.
- Muttererfahrung: Stuten, die bereits mehrere Fohlen problemlos aufgezogen haben, sind oft geeigneter als unerfahrene Erstlingsstuten.
- Gesundes Euter: Entzündungen, Verletzungen oder schmerzhafte Milchdrüsen müssen ausgeschlossen werden.
- Ausreichende Milch: Die vorhandene Milchmenge muss zum Alter und Bedarf des Fohlens passen.
- Sozialverträglichkeit: Die Stute sollte ruhig bleiben und das Fohlen nicht schlagen, beißen oder dauerhaft abdrängen.
- Passende Haltungsbedingungen: Eine sichere Box, ein abgetrennter Bereich und später eine geeignete Herde erleichtern die Eingewöhnung.
Auch der Zeitpunkt spielt eine Rolle. Eine Stute, die ihr eigenes Fohlen erst vor kurzer Zeit verloren hat, kann besonders mütterlich reagieren. Das ist aber keine Garantie. Manche Tiere akzeptieren ein fremdes Fohlen sofort, andere brauchen mehrere vorsichtige Annäherungen.
| Variante | Typische Situation | Worauf es ankommt |
|---|---|---|
| Stute nach Fohlenverlust | Die Stute hat Milch und eventuell noch starken Mutterinstinkt. | Gesundheit, Schmerzfreiheit und kontrollierte Zusammenführung |
| Laktierende Stute mit eigenem Fohlen | Sie soll ein zweites Fohlen aufnehmen. | Genügend Milch und genaue Beobachtung der Trinkmengen |
| Nicht laktierende Sozialstute | Das Fohlen braucht Nähe und Herdenkontakt. | Zusätzliche Milchversorgung und geeignete Betreuung |
Wie läuft die Zusammenführung sicher ab?
Die erste Begegnung findet am besten in einer ruhigen, übersichtlichen Umgebung statt. Das Fohlen wird zunächst in Sicht- und Riechweite der Stute gebracht. Erst wenn beide Tiere gelassen reagieren, kommt es zu einem direkten Kontakt. Bei jeder Unsicherheit sollte eine erfahrene Person oder ein Tierarzt anwesend sein.
Manche Stuten akzeptieren das Fohlen beim ersten Säugeversuch, andere müssen mehrfach und sehr vorsichtig an die neue Situation gewöhnt werden. Während dieser Phase darf das Paar nicht unbeaufsichtigt bleiben. Ein einziger Tritt kann für ein neugeborenes Fohlen tödlich enden.
Zeigt die Stute Drohverhalten, legt die Ohren dauerhaft an, schnappt oder versucht sie zu treten, werden die Tiere wieder getrennt. Eine Boxentrennwand oder ein benachbarter Bereich ermöglicht weiteren Geruchskontakt ohne unmittelbares Verletzungsrisiko. Die Annahme darf nicht erzwungen werden, wenn die Sicherheit des Fohlens nicht gewährleistet ist.
Nach einer erfolgreichen Adoption braucht das Paar weiterhin Ruhe. Später sind Bewegung, Kontakt zu anderen Fohlen und eine stabile Herde wichtig. Die Ammenstute ersetzt nicht nur eine Milchquelle, sondern auch einen großen Teil der frühen Erziehung und Sozialisation.
Ammenstute oder Flaschenaufzucht?
Wenn eine geeignete Ammenstute verfügbar ist, sehe ich sie meist als die natürlichere Lösung. Das Fohlen kann saugen, schlafen, folgen und Grenzen lernen, ohne dass jede Mahlzeit vom Menschen organisiert werden muss. Trotzdem ist die Ammenstute keine risikofreie Abkürzung, denn Annahme, Milchleistung und Gesundheitszustand müssen passen.
| Lösung | Vorteile | Grenzen |
|---|---|---|
| Ammenstute | Milch, Körperkontakt, Schutz und soziale Erziehung | Schwer verfügbar, Zusammenführung kann scheitern |
| Flaschenaufzucht | Sofort einsetzbar, wenn keine Amme gefunden wird | Sehr hoher Zeitaufwand und Risiko von Fehlfütterung oder Fehlprägung |
| Aufzuchtstation | Erfahrene Betreuung und Kontakt zu anderen Fohlen | Transport, Kosten und mögliche Belastung durch den Ortswechsel |
Bei einem sehr jungen Fohlen können anfangs stündliche oder zweistündliche Fütterungen nötig sein. Das bedeutet Betreuung rund um die Uhr, auch nachts. Eine Flaschenaufzucht sollte deshalb nicht aus Bequemlichkeit gewählt werden, sondern nur, wenn eine Amme nicht rechtzeitig verfügbar ist oder die Zusammenführung aus medizinischen Gründen nicht möglich ist.
Kuh- oder Ziegenmilch ist kein unkomplizierter Ersatz für Stutenmilch. Die Nährstoffzusammensetzung unterscheidet sich, und Verdauungsprobleme sind möglich. Für eine Handaufzucht braucht es einen geeigneten Milchaustauscher, genaue Hygieneregeln und einen tierärztlich abgestimmten Fütterungsplan.
Was im Notfall sofort zählt
Bei einem verwaisten oder nicht saugenden Fohlen sollte der Tierarzt unmittelbar informiert werden. Besonders dringend ist die Situation, wenn das Fohlen nicht innerhalb von etwa 2 bis 4 Stunden aufsteht, keinen kräftigen Saugreflex zeigt, unterkühlt wirkt oder keinen Kot absetzt.
- Fohlen warm und trocken halten, ohne es zu überhitzen.
- Kolostrumversorgung sofort tierärztlich klären.
- Keine Milch, Medikamente oder Hausmittel ohne fachliche Anleitung verabreichen.
- Ammenstutenvermittlung, Klinik und Aufzuchtstation parallel kontaktieren.
- Die Stute und das Fohlen bis zur sicheren Annahme nie allein lassen.
Eine Ammenstute ist damit weit mehr als eine Ersatzmilchquelle. Sie kann einem mutterlosen Fohlen den Start ins Leben retten und ihm gleichzeitig Nähe, Orientierung und Sozialverhalten vermitteln. Entscheidend sind schnelles Handeln, tierärztliche Begleitung und eine Stute, die körperlich wie charakterlich wirklich zu dieser Aufgabe passt.
